Yoga am Check-in

Zürich
Tages Anzeiger. Feli Schindler

Zürich. Switzerland

04 June 2008

Es braucht eine schlanke Taille, um durchs «Katzentürchen» des Künstlerduos Frères Chapuisat in höhere Sphären zu kriechen und die Sicht vom Zürcher Kunsthaus wenn nicht aufs Mittelmeer, so doch mindestens auf den Heimplatz oder in den Himmel frei zu bekommen. Gregory Chapuisat lacht und tippt mit den Zeigefingern auf seine Schläfen: «Il faut être mince dans la tête», es brauche vor allem einen entschlackten Geist, um sich auf die Grenzerfahrung seiner begehbaren Architektur einzulassen.

Enge oder Weite? Die Installation der Romands symbolisiert, worum es der jungen und zupackenden Kuratorin Mirjam Varadinis in der Schau «Shifting Identities. (Schweizer) Kunst heute» geht. Sie stellt die Frage, wie Schweizer Künstler in der Fremde, ausländische Künstler in der Schweiz, Secondos, Flüchtlinge, Doppelbürger, temporäre Aufenthalter, kurz, global tätige Kunstschaffende auf Mobilität, Globalisierung oder Migration reagieren. Dabei umkreisen die multimedialen Interventionen im Kunsthaus (mit 60 Arbeiten der Schwerpunkt des Grossanlasses), am Flughafen und in der Innenstadt das Thema des steten Wandels, dem die Kunstnomaden unterworfen sind.

Im Kunsthaus zeigt Ingrid Wildi eine Videodokumentation mit Sans-papiers, die ohne Kopf in Erscheinung treten und sozusagen ihrer Identität beraubt Lebensgeschichten erzählen. Die Newcomerin Mai-Thu Perret entwirft die Utopie einer ungewöhnlichen Frauenkommune, während Gianni Motti mit einem Sicherheitsbeamten vor den Abflugschaltern in Kloten Yoga praktiziert und Introspektion als Gegenentwurf zur Hektik vor Ort übt. San Keller lotet mit einer Kasperleaufführung «Künstler und Polizist» in der City die Grenzen zwischen heimeliger Kinderstube und Öffentlichkeit aus.

Auf der Liste der imposanten Zürcher Schau findet man neue, noch zu entdeckende Namen, aber auch Künstler, die im Offspace oder mit Förderpreisen - vielfach mit dem prestigeträchtigen Swiss Art Award - von sich reden machten oder an Topevents wie an der Biennale in Venedig vertreten waren: Emmanuelle Antille, !Mediengruppe Bitnik, Bob Gramsma, Huber.Huber, Karin Hueber, Shahryar Nashat, Kerim Seiler, Elodie Pong, Shirana Shahbazi, Nedko Solakov, Andro Wekua - die neue, multikulturelle Schweizer Künstlergeneration öffnet mit Selbstverständnis Luken zur globalisierten Welt, die ihre eigene ist. Sich ein bisschen abquälen wie bei den Frères Chapuisat muss aber schon, wer den Horizont erweitern will.




---
PDF version
Save this article in PDF

↑↑