Ausstellung

Shifting Identities – [Swiss] Art Now
Neue Zürcher Zeitung. Samuel Herzog

Zürich. Switzerland

04 June 2008

Früher war alles einfacher. Wurde man an den Strand einer einsamen Insel gespült, dann wusste man beim Aufwachen sofort, dass man Robinson Crusoe war - und trat dann ein mit menschlichen Knochen geschmückter Schwarzer aus dem Gebüsch, so konnte das nur Freitag sein. Heute wachen wir Tag für Tag am Gestade jener unbekannten Insel auf, die wir unseren Planeten nennen - und fragen uns spätestens beim Rasieren, wenn uns der Gillette-Schaum wie Brandungsgischt über die Wangen kriecht, wer wir denn eigentlich sind. Die Identitäten sind ins Schleudern geraten - unsere eigene und die der Welt um uns herum.

So etwa könnte man sich atmosphärisch an das Thema der gegenwärtigen Ausstellung im Kunsthaus Zürich gewöhnen: «Shifting Identities - (Schweizer) Kunst heute» heisst das Projekt, es wurde von Mirjam Varadinis kuratiert. Zehn Jahre ist es her, dass Bice Curiger hier mit ihrer «Freien Sicht aufs Mittelmeer» der Schweizer Kunstszene den Puls gefühlt hat. Damals traten die Schweizer im Kunsthaus «mit Gästen» auf - heute sind sie selbst in Klammern gerutscht. Denn, so die Kuratorin: «Nicht wenige der sogenannten Schweizer sind gar keine Schweizer, und umgekehrt haben auch viele Kunstschaffende mit Schweizer Nationalität ihren Wohnsitz ins Ausland verlegt.» So ist es. Grund genug, eine Ausstellung zur Schweizer Kunst zu machen, die gar keine Ausstellung zur Schweizer Kunst sein will. Wer das etwas unentschieden findet, der hat noch nicht verstanden, dass das «Schweizer Kunstschaffen Teil eines transnationalen Koordinatensystems geworden» ist. Folglich finden sich in der Schau neben mehr oder weniger schweizerischen Schweizern auch zahlreiche Künstler, die wenig bis gar nichts mit unserem Alpenland zu tun haben.
Grosses Durcheinander

Eigentlich geht es in der Schau nämlich auch gar nicht um die Schweiz. Vielmehr geht es um die persönlichen Zweifel vor dem Spiegel - um die Frage, was wir sehen, wenn wir uns den Rasierschaum aus dem Gesicht gewischt haben, was wir sehen wollen vielleicht auch. «Identitätsverschiebung» lautet das Thema und «Wertewandel» in Zeiten der Globalisierung. 67 Künstlerinnen und Künstler zeigen, wie sie auf die veränderte Welt reagieren.

Einige bauen tapfer gegen das grosse Durcheinander an - als könne man die eigene, unsicher gewordene Haut durch architektonische Hüllen festigen. Isabelle Krieg zum Beispiel hat einen «Art Shelter» konstruiert, eine Survivalhütte aus Astwerk und zahllosen Kunstflyern in den schönsten Farben. Die Gebrüder Gregory und Cyril Chapuisat aus Genf ziehen sich in die Wände der Ausstellungsarchitektur zurück: Wer enge Verhältnisse nicht scheut, kann hier durch ein Labyrinth aus Gängen kriechen und gelangt, so er den richtigen Weg findet, schliesslich in eine Art Vitrine über dem Heimplatz, wo Sofas, Drinks und Grünpflanzen auf den Tüchtigen warten. Erklettern können wir auch den düsteren Turm von Christian Vetter: Zuoberst strecken wir unseren Kopf dann durch eine Luke hinaus und blicken in den Raum über dem Bührlesaal, in das Reich von Lüftung und Licht - das verschiebt zwar kaum die Identität des Kunsthauses, zeigt es jedoch immerhin aus ungewohnter Perspektive.

Manche der Künstler finden eindringliche Bilder für die Lebenssituationen, in die Menschen, vor allem wenn sie aus ärmeren Weltgegenden stammen, heute geraten können: Adrian Paci etwa zeigt uns in seinem Video «Centro di Permanenza temporanea» eine Gruppe von Männern, welche mit müden Gesichtern die Treppe zu einem Flugzeug hochsteigen. Irgendwann gerät die Kolonne ins Stocken, die Kamera wechselt in die Totale - und jetzt erst sehen wir, dass es da gar kein Flugzeug gibt, in das sie steigen könnten, dass die Treppe einsam auf dem Rollfeld steht.

Bei Keren Cytter ist das Beziehungstheater eine absurde Tragikomödie, in der sich die Wechsel zwischen Rolle und Identität in Sekundenbruchteilen vollziehen. Erik van Lieshout inszeniert sich als Star seiner eigenen Polit-Sex-Show, Pawel Althamer und Artur mijewski suchen sich im Experiment mit bewusstseinserweiternden Drogen, und Jules Spinatsch zeigt Bilder von Touristen aus aller Welt, die sich in Schweizer Tracht mit Horn und Flinte vor dem Titlis ablichten liessen. Anne-Lise Coste schliesslich findet das kleine Glück in der grossen Verweigerung und schreibt deshalb ohne Unterlass «je ne veux pas» auf die Wand.
Grosse Geste

Tino Segal aus Berlin lässt seine Arbeiten ja stets durch Schauspieler inszenieren - in diesem Fall durch die tapfere Dame am Presseempfang, die einem mit leicht geröteten Wangen den kleinen Werk-Satz vorspricht: «Kritik an der SVP. Das ist neu. Tino Segal, 2008.» Wirklich neu ist das zwar nicht - aber immerhin hat das nun wieder einiges mit der Schweiz zu tun.

«Shifting Identities» ist ein verwirrendes Projekt, das sich nirgends richtig fassen lässt - zu hermetisch sind viele der Arbeiten, zu undurchdringlich auch manche der Texte im Katalog. Die Schau tritt als grosse Geste auf, die aber in keine bestimmte Richtung weist. Ihr Anspruch ist hoch - aber nicht wirklich klar umrissen. Doch vielleicht muss das genau so sein, vielleicht will das Projekt Verschiebung thematisieren, indem es selbst ein Universum der Verschiebungen ist. Und wenn wir morgen wieder im Brandungslärm erwachen, dann werden wir mit dem Rasiermesser im Gillette-Schaum gegen Knochenschmuck in unserer Oberlippe stossen - und wissen, dass wir Freitag sind.




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