Einstieg ins Ungewisse

Basel
Rebecca Mettler

Basel. Switzerland

16 November 2004

Der Einstieg in den Kokon "Get down" ist ein Einstieg ins Ungewisse. Weder weiss man, wie das aus Karton gebaute Gebilde von Aussen aussieht, noch wie die Gänge innen verlaufen. Je nach Tageszeit, zu der man sich zur Erkundung aufmacht, ist es im Kokon entweder ziemlich oder vollständig dunkel. Der Weg verläuft nicht gradlinig: Es gibt Sackgassen, und man findet die vorhandenen individuell gestalteten Räume nicht auf Anhieb. Manchmal sind die Gänge sehr eng und niedrig, so dass man nur kriechend vorwärts kommt, manchmal kann man beinahe aufrecht gehen. Wenn der Gang nach oben geht, muss man sich etwas mehr anstrengen, dafür kann man rutschen, wenn er nach unten verläuft. An gewissen Stellen ist Vorsicht angebracht, da es im Boden Löcher gibt. Zu Entdecken sind ein Raum mit vielen kleinen Lichtern, ein zur Hälfte blau angemalter Raum, einer mit gestirnter Decke und einem Boden aus Putzfaden, ein Ausblick ins Freie sowie ein Aussichtspunkt, von dem aus man einen Blick auf die Aussenform der Installation werfen kann. Die verschiedenen Räume laden zum Verweilen ein und erwecken im Besucher jeweils unterschiedliche Empfindungen. Jeder macht bei der Erkundung des Kokons andere Erfahrungen, es ist für jeden ein sehr persönliches Erlebnis. Die Chapuisat Brothers zwingen dem Besucher keine Sichtweise ihres Kunstwerks auf, sondern geben ihm die Möglichkeit, das Kunstwerk auf seine eigene Weise und im eigenen Tempo anzusehen. Es ist gerade die individuelle Reaktion der Besucher, welche die Künstlern hervorrufen möchten, denn dadurch entsteht ein Austausch zwischen Künstlern und Besuchern. Das Prinzip der Installation "Get down" ist einfach: Ein Kokon aus Karton mit verwinkelt verlaufenden Gängen, unterschiedlich ausgebauten Räumen sowie Aussichtspunkten. Erst beim tatsächlichen Durchgang wird das Kunstwerk vielschichtig und komplex, da es beim Besucher verschiedene Empfindungen hervorruft und ihm die Möglichkeit gibt, unterschiedliche Erfahrungen zu machen. Die Installation wird lebendig, indem man durch sie hindurch geht, sie lebt durch die Besucher. Denn erst diese geben dem Kunstwerk einen Sinn. Es handelt sich jedoch nicht um eine Suche nach dem Sinn bzw. der Aussage des Kunstwerks, sondern jeder findet einen eigenen, persönlichen Sinn.

"Get down" setzt sich mit der Beziehung zwischen Mensch und Kunstwerk auseinander, aber gleichzeitig auch mit derjenigen zwischen Mensch und Raum, insofern es sich um eine räumliche Installation handelt. Der Kokon bildet einen Raum, von dem der Besucher nicht weiss, wie er aussieht. Das Äussere, welches man im übrigen abgesehen vom Guckloch aus sowieso nicht sieht, sagt kaum etwas über das Innere aus. Man erfährt und erschliesst sich den Raum, indem man durch ihn hindurch geht, ihn erkundet. Es ist weniger ein sehendes Erkunden denn ein Tasten, Erfühlen, Erspüren. Bei der Erkundung und Erschliessung des Kunstwerks handelt es sich um eine konkrete körperliche Erfahrung. Der Körper wird zur Wahrnehmung des Kunstwerks eingesetzt und dieses durch sinnliche und körperliche Erfahrung gedeutet. Der Raum, der sich dem Besucher erschliesst, ist vorgestellter, gelebter Raum, kein vorgegebener abstrakter Raum. Zwar ist die Gestaltung des Raums durch die Form des Kokons gegeben, da sich der Besucher jedoch diesen Raum vor der Erkundung nicht vergegenwärtigen kann, wird er für ihn zu einem erlebbaren Raum. Auch wenn man vor dem Besuch der Installation einen Plan der Gänge und Räume bekommen würde, könnte man den Installationsraum dadurch nicht vollständig erfassen. Beim Kunstwerk ist nicht das äussere Betrachten wichtig und ebenso wenig geht es um eine Abbildung von Räumen. Zentral ist hingegen deren konkrete Erfahrung, die Empfindungen, die fortwährend entstehen. Ein Sinnesorgan genügt nicht, um alle Dimensionen von "Get down" zu erschliessen. Erst durch den Einsatz von möglichst vielen Sinnesorganen kann die Installation in ihrer Ganzheit und Umfassendheit erfahren werden. Der Besucher ist aufgefordert, seine vorgefassten Bilder und Vorstellungen über Bord zu werfen und gänzlich unvoreingenommen an das Kunstwerk heran zu gehen. Die Erkundung von "Get down" gibt dann am meisten her, wenn man von einer abstrakten, denkenden Ebene weg kommt und sich auf die konkreten Erfahrungen während der Erkundung konzentriert. Man merkt dann, dass das eigene Zeitgefühl ebenso verloren geht wie die Vorstellung von einem abstrakten Raumgebilde, etwa einer Urform des Raums, die seit jeher existiert und die Ausgangsform für alle Arten von Räumen ist. "Get down" zeigt hingegen, dass "(...) der Raum ein Ort ist, mit dem man etwas macht" [1]. Der Raum erschliesst sich erst im Erfühlen, Erkunden und Durchwandern. Indem man sich den Raum dadurch aneignet, wird er zum eigenen Raum. Er kann von jedem anders und von derselben Person zu anderen Zeiten jeweils unterschiedlich erfahren werden. Die Chapuisat Brothers nehmen uns in ihrer Installation "Get down" die Illusion eines unveränderbaren abstrakten Raums, ermöglichen uns jedoch gleichzeitig einen spielerischen Umgang mit einer neu gewonnenen und emotionalen Raumerfahrung. Aber nicht vergessen: "Get down" ist nichts für Klaustrophobiker!


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[1De Certeau, Michel, Kunst des Handelns, Berlins: Merve Verlag 1988, S. 218.



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