Danke, junges Haus

Zürich
Die Weltwoche. Kunst. Claudia Spinelli

Zürich. Switzerland

05 July 2005

Die Kunsthalle St.Gallen setzt zu ihrem zwanzigsten geburstag aufs kerngeschäft

Wir haben es schon immer gewusst und gelegentlich auch lauthals verkündet: Gute Kunst hat mit Grenzerfahrung zu tun. Sie stellt Hierarchien auf den Kopf und erweitert den Horizont - zumindest theoretisch.

Theoretisch? Mit abgehobenen Konzepten haben die Westschweizer Brüder Gregory und Cyril Chapuisat (geb. 1972 und 1976) wenig am Hut. Sie lieben das Handfeste und Konkrete: Kunstfreunde, die sich ihrem Werk stellen möchten, müssen den Kopf einziehen und sich durch ein enges Loch in einen dunklen Bau zwangen, wo sie zunächst nur liegend vorwärts robben können. Das ist nicht jedermanns Sache - aber es lohnt sich. Denn wer bäuchlings und mit bald schmerzenden Ellbogen in der zunächst absoluten Dunkelheit kriecht, fühlt sich möglicherweise nicht nur in die eigene Kindheit zurückversetzt (Hüttenbauen), sondern erlebt zum ersten Mal eine Skulptur von innen. Er gelangt in Grotten, die mit weichen Putzfäden ausgepolstert sind, oder in eine Kapelle, die durch Löcher im Karton (daraus ist das wunderliche Labyrinth gebaut) poetisch verzaubert ist.

Immer wieder gibt es Sackgassen; und eine Stelle ist gar so eng, dass sich selbst ganz dünne Menschen nur zentimeterweise hindurchquetschen können. Die Installation ist eine haptische Aufforderung, in neues, unbekanntes Terrain vorzudringen. Sie ist fast wie Bungee-Jumping mit künstlerischen Mitteln: Nur wer die eigenen Ängste überwindet, wird ungeahnte Glücksmomente empfinden dürfen.

Dass die Kunsthalle St. Gallen, wo dieser wunderliche Fuchsbau zu erleben ist, ihren zwanzigsten Geburtstag mit einer solchen Arbeit begeht, kommt nicht von ungefähr: Die Installation ist eine sehr passende Metapher für die Geschichte und Gegenwart einer Institution, die Neugierde und Entdeckerlust immer noch genauso gross schreibt wie am Tag ihrer Entstehung. Dies, obwohl man sich inzwischen professionalisiert und mit den Jahren von einer Ausstellungsinitiative ohne feste Adresse zu einer Institution entwickelt hat, die den Namen «Kunsthalle» auch tatsächlich verdient.

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